Spezifika der Original Hoch- und Deutschmeister

Die Original Hoch- und Deutschmeister sind die letzten blasmusikhistorisch originalen Vertreter der ruhmreichen Militärmusik Österreich-Ungarns. Diese besaß nämlich mehrere Besonderheiten beziehungsweise Alleinstellungsmerkmale, die es wert sind, erwähnt zu werden. Das betrifft insbesondere die Instrumentation: So sind heute nach wie vor Es-Trompeten (fast gänzlich verschwunden) und Ventilposaunen statt Zugposaunen im Einsatz, ebenso wie – statt der üblichen Basstuba – das traditionelle Helikon.

Ebenso besonders ist die Stimmung der verwendeten Instrumente:  Was für einen besonderen Flair der Hoch- und Deutschmeister sorgt, ist die sogenannte „hohe Stimmung“. Diese liegt einen Halbton höher als die der meisten anderen Ensembles. Sie geht zurück auf die alten Feld- und Militärmusiken, die vor allem im Freien und in der marschierenden Truppe gehört werden mussten.

Im 19. Jahrhundert entstand allmählich der Wunsch, eine international einheitliche Stimmhöhe durchzusetzen, zumal sogar die Stimmung innerhalb eines Landes stark divergierte. In Italien unterschied man so zwischen „römischen“, „venetianischen“ und „lombardischen“ Ton.  Nach der Erfindung des „Tonmessers“ durch Schibler 1834 wurde die Diskussion um eine international normierte Stimmung erstmalig entfacht. Durchgehender Erfolg war aber zunächst nicht gegeben: Im Jahre 1858 fand zwar in Paris eine erste Stimmtonkonferenz statt und das Ergebnis (a‘ mit 435 Hz) wurde von Napoleon III. in ganz Frankreich vorgeschrieben. Das führte jedoch international zum Gegenteil, was eigentlich bezweckt werden sollte. In England und Deutschland wollte man sich nichts von den Franzosen vorschreiben lassen. Es blieb weiter bei der „babylonischen Verwirrung der Orchesterstimmungen“, sodass 1885 eine weitere Konferenz in Wien einberufen wurde. Im Zuge dessen machte man sich ebenso Gedanken über eine einheitliche Stimmung innerhalb der österreichisch-ungarischen Regimentsmusiken. Der berühmte Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick trat damals als einer der ersten dafür ein, die später für die Blechmusik der Militärmusik charakteristische hohe Stimmung, die vom international gebräuchlichen Stimmton abweicht, einzuführen, da die Musik im Freien von weitem hörbar sein musste und die Rücksicht auf Singstimmen, der zwar im Theater- und Opernbetrieb großes Gewicht beizumessen war, vernachlässigbar war. Zudem sei das Zusammenspiel zwischen Zivil- und Militärkapellen nicht dem eigentlichen Zweck einer Militärmusik entsprechend. Diese hohe Stimmung nannte er daher eine „berechtigte Eigenthümlichkeit“. Nach Erhebungen der Stimmhöhen der verschiedenen Militärkapellen berief man 1891 eine Militärstimmton-Konferenz ein, wo man einen Vergleich zwischen einer normalstimmenden und hochstimmenden Kapelle anstellte. Auf Vorschlag des Militärkapellmeisters Karl Komzák beschloss man, von der normalen Stimmung abzusehen und das a‘ mit 921, 733 einfachen Schwingungen festzusetzen. Dieser Stimmton lag genau einen halben Ton höher als der 1885 in Wien festgelegte Stimmton von 870 Schwingungen. Die Blechformationen der Regimentsmusiken hatten sich in der Folge an diesen Entschluss zu halten. Auch in anderen Ländern wurde überlegt, ob diese hohe Stimmung zweckmäßig sei. Gottfried Piefke, der Komponist von „Preußens Gloria“ und Namenspatron für ein österreichisches Schimpfwort, trat für die Einführung in der preußischen Armee ein, war damit aber nicht erfolgreich. Allmählich setzte sich in den anderen Militärmusiken Europas die Normalstimmung durch und der türkische Ton“ der österreichisch-ungarischen Militärmusiken wurde zu einem unverkennbaren Spezifikum. Diese Entwicklung nahm Einfluss auf das zivile Blasmusikwesen und die hohe Stimmung war in Österreich bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hinein vorherrschend. Von der hohen Stimmung war die Streichermusik jedoch – um es herauszustreichen - ausgenommen[1]:

„Während die Regimentsmusiken in bläserischer Formation sich dieser neuen Norm anzugleichen hatten, behielten die militärischen Streichorchester im österreichisch-ungarischen Heer die damals internationale Normalstimmung (a‘ = 435 HZ) bei.“[2]

Auch im Zeitraum von 1918 bis 1938 war die hohe Stimmung in Österreich noch selbstverständlich, da einerseits der Pflege des „alten Stils“ großer Wert beigemessen wurde, andererseits die endgültig entscheidende Stimmtonkonferenz erst 1939 in London stattfand, die seither den Stimmton verbindlich mit 440 Hertz festlegt hat. Seither wurde allmählich bei der Stimmung der Blasinstrumente Kritik laut. Hans Sittner schrieb 1946, als die hohe Stimmung in Österreich noch allgegenwärtig war, dass man aufgrund mehrerer ökonomischer Überlegungen endgültig von der hohen Stimmung Abschied nehmen sollte. Davon seien nicht nur die hochgestimmten Blasinstrumente betroffen, sondern ebenso würden sich viele Streichorchester nicht an den verbindlichen Stimmton halten und höher stimmen.  Schon der weltberühmte Sänger Caruso habe sich über das (zu) hohe Stimmniveau im Wiener Staatsopernorchester aufgeregt, was für ihn nur eine zusätzliche Erschwernis und Anstrengung beim Singen sei. Ebenso hätten mehrere namhafte Dirigenten wie Furtwängler, Strauß und Toscanini die tiefe Stimmung favorisiert. Sittner schließt seinen Aufsatz mit einem Plädoyer:

„Gerade die zentrale Stellung der (zur tiefen Stimmung prädestinierten) temperierten Tasteninstrumente, das verstärkte Zurückgehen auf historische Formen weltlicher Musikpflege und manche ökonomische Erwägung sprechen für ein vernünftiges Zurückschrauben der Stimmung. Der Wiederaufbau einer internationalen Musikpflege verlangt eine optimale, allgemein verbindliche Stimmungsnorm. Es wäre nur zu begrüßen, wenn der jetzt etwas zweifelhafte Ruhm, den Österreichs Hauptstadt durch die hohe „Wiener Stimmung" in aller Welt genießt, durch das Verdienst ersetzt werden könnte, der Welt wieder eine halbwegs normale und vor allem einheitliche Stimmung nach dem Vorbild von 1885 zu geben.“[3]

Mit der nach 1945 erfolgten Hinwendung zur internationalen symphonischen Blasmusik und der Hinzunahme der dafür eigens benötigten Instrumente war die „urösterreichische“ Blasmusikstimmung und -instrumentierung allmählich nicht mehr gefragt und wurde folglich meist aufgegeben:

Zuerst fanden Saxophone Eingang in die Blasmusik, die Es-Trompeten wurden durch B-Trompeten ersetzt, die Es-Klarinette verschwand nach und nach, das Instrumentarium wurde u. a. etwa bei den Holzbläsern durch Doppelrohrblatt-Instrumente, Altklarinette, Bassklarinette etc. ausgebaut und das Schlagwerk-Instrumentarium erfuhr eine großzügige Erweiterung. Auch Streichinstrumente wie Cello und Kontrabass fanden Eingang in das Blasorchester.“[4]

 

Die Original Hoch- und Deutschmeister sehen sich jedoch als eine der letzten Hüter der urösterreichischen Blasmusiktradition und diese wird auch in Zukunft ein Markenzeichen der berühmten Kapelle sein!

 



[1] Eugen Brixel, Zur Frage der Blasorchester-Stimmung im k.(u.)k. Militärmusikwesen Österreich-Ungarns. In: Wolfgang Suppan (Hg.), Kongreßbericht Abony/Ungarn 1994 (Alta Musica 18, Tutzing 1996) 127-138.

[2] Brixel, Zur Frage der Blasorchester-Stimmung im k.(u.)k. Militärmusikwesen Österreich-Ungarns, 136.

[3] Hans Sittner, Zurück zur Normalstimmung. In: Österreichische Musikzeitschrift 1, H. 12 (1946) 396f.

[4] Friedrich Anzenberger, Anmerkungen zur Entwicklung der Konzertprogramme unserer Blasmusikkapellen bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. In: Blasmusikforschung. Mitteilungen des Dokumentationszentrums des Österr. Blasmusikverbandes 21 (2015) 4, online unter: http://www.blasmusik.at/media/1351/blasmusikforschung_2015-07-08.pdf (5.7.2018).